And the Savant Starts to Drink Tour 2011

Tourbericht And the Savant Starts to Drink Tour 2011

Freitag, 2.9.2011: Walkemühle Hameln
Wir fahren viel zu spät los, dafür, dass wir von Frankfurt am Main nach Hameln fahren müssen. Toto war wieder mal spät dran und wir holen in direkt bei seiner Arbeit ab. Eigentlich ganz praktisch, so konnten wir doch noch die Gitarren abholen, die Sepp bei sich daheim vergessen hatte. Als Toto es endlich auch mal geschafft hat, holen wir noch schnell seine Sachen und fahren los. Oder auch nicht. 5 Minuten später stehen wir im Stau. Feierabendverkehr in Frankfurt.
Auf der Fahrt durch diverse Dörfer vor Hameln (Sepp: „Wenn das Navi sagt, wir sollen hier abfahren, machen wir das auch!“) erfinde ich das Tourspiel, das uns die gesamte Woche begleiten soll: Aufgaben erfüllen, die pro Tag einen Euro mehr einbringen. Tag 1: „Julia, ich geb dir ’nen Euro wenn du da vorne die Passanten im Vorbeifahren laut mit Punkrock! anschreist.“
Einen Euro ärmer und 30 Minuten später als erwartet kommen wir um Punkt 21 Uhr in Hameln an, wo wir auch schon erwartet werden, da wir die Backline stellen. Alles raus aus dem Bus, aufbauen, kurzer Soundcheck, feststellen, dass mein neuer Sansamp-Fußtreter schon vor dem ersten Konzert den Geist aufgegeben hat, ein paar Bier für die Bühne holen und los geht’s. Das Publikum applaudiert artig und ist auch nach dem ersten Song noch da. Während die zweite Band spielt, erscheint die Polizei, die von netten Anwohnern gerufen wurde, weil es angeblich so laut sei. Überraschenderweise sehen das die beiden Herren in Blau gar nicht so und verziehen sich wieder, ohne die Lounge-Version des Anti-Polizeilieds von Ammonia zu bemerken. Schade.
Nachdem alle Bands fertig sind, gibt Sepp die für die ganze Woche geltende Parole aus, unser Equipment sofort in den Bus zu laden, so dass wir das morgen nicht mehr machen müssen. Murren und Widerspruch schlägt ihm erst mal entgegen, aber er hat ja Recht (er sagt „wie immer“). Spät in der Nacht machen wir es besser als die ganzen Betrunkenen, die dort eingeschlafen sind, wo sie gerade sitzen, und gehen im Bandpennraum schlafen. Zwischen unsere Besucherritzen (und damit sind die von den Matratzen gemeint!) gesellen sich noch ein paar betrunkene Artgenossen, denen das Sofa draußen zu ungemütlich wurde.

Samstag, 3.9.2011: Substanz Osnabrück
Unser eigentlicher Gig für Samstag würde am Donnerstag vorher abgesagt, und der Veranstalter Olli war so freundlich, uns an dem Abend im Substanz spielen zu lassen. Klassischer Fall von reingeasselt. Osnabrück ist gerade mal um die Ecke von Hameln gelegen, weswegen wir heute genug Zeit haben, um beim Veranstalter noch duschen zu gehen und dann eine ausgiebige Stadtführung inklusive Kneipenbesuch zu bekommen.
In Osnabrück umkreisen wir das Substanz erst zweimal, bevor wir es finden. PestFest ist schon da, sitzt aber noch bei einem Bier sehr unmotiviert in der Sonne. Allerdings hat deren Sängerin ihr Können beim Rülpsen mehr als bewiesen! Nach und nach trudeln die anderen Bands ein und wir können aufbauen und soundchecken. Zwischendurch gibt es Essen, irgendwas Gutes mit Erdnusssoße. Spielen tun wir als Erste, und da Olli heute seinen Geburtstag feiert, ist auch einiges los. Super Sound auf der Bühne und Sepp freut sich, weil er seinen Downsoaker benutzen kann (Gitarristengedöns). Kaum sind wir fertig, stürmt ein begeisterter Zuschauer die Bühne und will von Sepp sofort eine CD kaufen („SOFORT!“), während wir eigentlich noch Kabel einrollen. Hatten wir auch noch nicht. Nach uns spielen Overpower, die Julia und ich vom Bus aus hören, wo wir den ersten „Abberaad“ der Tour trinken (andere nennen es Asbach-Cola). Anschließend kommen PestFest und OrängÄttäng, beides wieder eher Deutschpunk, und das Konzert bzw. die Geburtstagsfeier artet zum kollektiven Besäufnis aus. Beim Einräumen unsere Busses (ja, wir haben es durchgezogen!) geraten Sepp und ich uns dermaßen in die Haare, weil wir beide eine bessere Tetrismethode zum Einräumen zu kennen scheinen. Anschließend pennen wir dann beide im Bus und haben am nächsten Morgen beide vergessen, dass wir uns überhaupt gezofft haben.

Sonntag, 4.9.2011: Reil 78 Halle/Saale
Ich wache auf und starre an die Busdecke, die sich ca. 5 cm über mir befindet. Ich klettere aus der Koje und mein erster Blick fällt auf das Maurerdekolleté des Typen, der bei offener Autotür neben unserem Bus pennt. Irgendwann wird auch Sepp wach und wir amüsieren uns über unseren Nachbarn. Nach und nach erwachen dann die anderen Menschen und es gibt ein großes, gemeinsames Brunch. Allgemeine Heiterkeit über den Schlagzeuger von OrängÄttäng, der mit Wampe auf seinem Six Pack und einem Penis auf der Stirn zum Frühstück erscheint. Betrunkene bemalen ist immer gut, und Drummer sind auch nun mal immer einfache Opfer. Tschüss sagen und ab auf die Autobahn nach Leipzig.
Die Reil 78 liegt in der Reilstraße 78 und ist eine alte, mit Graffiti verzierte Villa. Im Garten gibt es ein selbstgebautes Karussell, das wir auch erst mal fahren müssen, bevor wir richtig Hallo sagen dürfen. Der Veranstalter Giant ist super nett und sieht obendrein noch aus wie einer von New Kids. Nach und nach treffen die anderen drei Bands ein – Johnny Futuro, Continents, Batajl aus Schweden – es gibt Abendessen, Soundcheck und irgendwann kommen sogar Gäste. Toto genehmigt sich 7 Bier vor dem Auftritt und liefert eine gesangliche Glanzleistung ab. Ab jetzt hat er Mikroverbot für die Tour. Nach dem Gig versacken Sepp und Toto mit Giant an der Hausbar bis morgens um halb 6 und leeren zu dritt eine 2L Flasche selbstgebrannten Brombeerlikör.

Montag, 5.9.2011: DIS Center Prag
Toto sieht unfassbar fertig aus, als er irgendwann dann doch aufsteht, was der der folgende Wortwechsel beweist, der aber erst ein paar Tage später an die allgemeine Bandöffentlichkeit dringt. Toto zu Sepp: „Bist du auch noch so betrunken?“ – „Ja, aber sag’s keinem.“ Also fahre ich nach Prag.
Unterwegs bekommt Toto ein ganz rotes, geschwollenes Gesicht, weil ihn nachts (wenn man das bei seiner Schlafensgehzeit noch so nennen kann) wohl irgendwas gebissen hat, was man gut an den ganzen Stichen erkennen kann, die über seinen ganzen Rücken verteilt sind. Irgendwann verschwindet das alles zum Glück wieder.
Das DIS Center liegt auf einem riesigen Grundstück voller Lagerhallen, trotzdem finden wir es überraschend schnell. Die anderen Bands sind Human Compost aus Frankreich, Against the Grain aus Prag (nein, keine Bad Religion-Coverband, ich hatte schon gehofft) und PartiYa aus Weißrussland, alles eher so Crust Punk. Der Schlagzeuger von Human Compost meint, dass wir schon mal zusammen gespielt hätten. Wir können uns nicht daran erinnern. Als Julia dann ihr Schlagzeug aufbaut, meint er triumphierend: „I know that drum kit!“ Schlagzeuger … und ja, er hatte recht. Während wir spielen, tanzt ein dicker Tscheche vor der Bühne, der dann auch begeistert am Merch erscheint, um mit uns anzustoßen. Kurze Zeit später erscheint er nochmal, fuchtelt wild herum und als Sepp näher auf ihn zugeht und ihm erklären will, dass wir ihn nicht verstehen, greift sich der Typ Sepp und wirft unseren Sänger quer durch den Raum. Der Mischer erscheint und beruhigt den Kerl. Wieder kurze Zeit später startet er eine Schlägerei mit dem Fahrer von PartiYa, die er jedoch verliert und was mit seinem Rausschmiss und einer riesigen Blutlache endet. Zu viel LSD, meint jemand. Punkrock.
Pennen tun wir bei einem Freund der Veranstalterin, der aus Hannover stammt. Zum Glück wohnt er nur 10 Minuten entfernt, so dass wir alle gemeinsam hin marschieren. In seinem Zimmer herrscht so ein Durcheinander, dass ich mich nur schwer entscheiden kann, zwischen welchen Sockenhaufen ich meine Isomatte ausrollen soll. Ziemlich sicher ist es auch aufgeräumter als wir gehen.

Dienstag, 6.9.2011: Day off Prag
Nachdem alle wach sind, duschen waren und unser Gastgeber einfach nicht aufwachen will, sagen wir leise Servus und bringen unsere Sachen zum Bus. Kurzes Frühstück an der Tanke und marschieren Richtung Innenstadt. Am Bahnhof suchen wir uns ein Hostel, checken ein und begeben uns auf eine Touritour durch die Stadt, schließlich sind wir alle zum ersten Mal hier. Begeistert wird die kulturelle Vielfalt bewundert, die sich besonders durch über 100 verschiedene Absinthsorten in den über die ganze Stadt verteilten kleinen Supermärkten ausdrückt. Weil wir uns nicht entscheiden können, kaufen wir erst mal Bier und einen Alkopop für Julia („Ich trink‘ kein Bier. Nur Schnaps.“). Später entdecken wir noch eine Eisdiele, die Absintheis verkauft. Julia will nicht probieren und auch Sepp ist nicht sofort überzeugt („Was ist das?“ – „Absintheis.“ – „Ist da Schnaps drin?“ – „Ja.“ – „Ok!“). Toto und Julia gehen in ein Foltermuseum, während Sepp und ich biertrinkend vor einer Kirche auf sie warten. Pünktlich zum Sonnenuntergang sind wir dann oben an der Burg über Prag angekommen und haben einen großartigen Blick über die Stadt. Auf dem Rückweg spielen wir wieder eine Runde unseres Tourspiels. Ich: „Toto, 5 Euro, wenn du mit zusammengebundenen Schnürsenkeln die ganzen Treppen zur Burg wieder hochtippelst.“ Überraschenderweise schafft er es ohne Hinfallen ganz nach oben. Die Enttäuschung ist groß, aber das Video dazu sehr lustig. Mit einem Besuch im Jack Rabbit Slim’s und der Feststellung, dass Julia Pulp Fiction nicht kennt, beenden wir den Abend.

Mittwoch, 7.9.2011: Wild at Heart Berlin
Unser Navi schickt uns kurzzeitig durch die tschechische Pampa, aber irgendwie kommen wir doch rechtzeitig in Berlin an. Der Club ist noch zu und ich gehe kurz in einen Plattenladen um die Ecke. Als ich wieder zurückkomme, ist die Hauptband auch angekommen, The Freeze aus Boston. Kennt man ja durchaus. Wir benutzen die gleiche Backline und haben nach dem Soundcheck noch genug Zeit, um im Tiki Heart nebenan das bisher beste Essen der Tour zu genießen. Das Wild at Heart ist sehr gut gefüllt, unser Gig macht echt Spaß und spätestens bei The Freeze ist kein Durchkommen mehr zur Bühne.
Die Aftershowparty im Backstageraum artet aus und Gitarrist DB ist so betrunken, dass er nicht mal merkt, dass Sänger Clif lachend sein T-Shirt anzündet. Julia tritt ihn dann einfach aus, als sein Shirt richtig brennt. Mitbekommen hat er davon aber irgendwie nichts. Sehr spät laden wir ein und fahren zu Totos Bruder, bei dem wir übernachten.

Donnerstag, 8.9.2011: Day off Berlin
Eigentlich hätten wir mit The Freeze in Budweis gespielt, doch die haben das Konzert gecancelt, weil der Laden wohl auch Nazikonzerte veranstaltet. Also haben wir frei. Man kann mehr Pech mit Off Days haben, als diese in Prag und Berlin zu verbringen.
Julia und Toto gehen in den Zoo. Sepp nicht: „Ich geh doch nicht in den Zoo, wenn ich schon mal in Berlin bin!“ Gemeinsam klappern wir die bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt ab und kaufen anschließend zwei neue Freundebücher für die Bands, mit denen wir spielen.

Freitag, 9.9.2011: Kunstverein Nürnberg
Berlin – Nürnberg ist die längste Strecke der Tour, und weil die A9 komplett gesperrt ist und wir von völlig unfähigen überforderten thüringischen Polizisten über Landstraßen geschickt werden, brauchen wir 2 Stunden länger als geplant und sind erst um 19 Uhr im Kunstverein. The Freeze sind schon da und irgendwann kommt auch die zweite Vorband, Subzero Topdogs aus Regensburg. Dumm nur, dass die auch die Punkrockpolizei mitbringen: als ich unser Merch aufbaue, will mir der Mercher der Topdogs erzählen, dass wir ja kein Punkrock wären, weil wir ja kein Vinyl dabei hätten (Anm.: ja, Vinyl ist cool, aber deswegen jemanden zu dissen nicht). Meine Entgegnung, dass wir eh schon Pleite wären, wegen Busmiete, Sprit, CDs und T-Shirtdruckkosten lässt er nicht gelten. Später nervt der gleiche Typ noch Toto, der lieber rausgeht, um nicht auszuticken, und dazu muss schon viel passieren. Der Gitarrist der Topdogs erzählt uns dann noch, dass sie sich bei einem Gig mal gewundert hätten, dass das gesamte Publikum T-Shirts von ihnen anhatte. Wie sich herausstellte, hatte der Punkrockpolizist die Shirts verschenkt.
Es ist viel los, The Freeze waren im letzten Jahr schon da. Gute Stimmung, und Sepp tritt mir während des Gigs mein Pick aus der Hand. Außerdem reißt ihm wieder mal eine Saite, die vierte diese Woche. Nach dem Konzert sitzen wir noch mit The Freeze rum, und Sänger Clif will von Sepp wissen, wo wir beide denn morgen spielen würden („So, where do we play tomorrow?“ – „Oh, we’re not playing together tomorrow. We’re going to Zweisel.“ – „Ah, ok, but on Sunday, we will be playing together, right?“ – No, we’ll be going home on Sunday.“ – „Aw, too bad.“). Ziemlich durch, der Clif Hanger, aber netter Typ.
Weil der Bus so weit weg steht, lässt sich Sepp erweichen und wir beschließen, erst am nächsten Morgen einzuladen.

Samstag, 10.9.2011: Sommerfest Jugendcafé Zwiesel
Beim Einladen stellt Sepp die Frage in die Runde, ob sein Stage-Shirt vielleicht doch langsam zu eklig werden würde. Ein Salzkreis und widerlicher Gestank sprechen dafür, und es bleibt im Kofferraum.
Zwiesel liegt fast wieder an der tschechischen Grenze, es sind aber nur gut 2 Stunden Fahrt durch eine schöne Berglandschaft. Als wir um 16 Uhr ankommen, scheinen die wenigen schon Anwesenden noch echt fertig von Tag 1 des Sommerfests am Freitag zu sein. Wir setzen uns erst mal in die Sonne. Nach und nach kommen die anderen Bands an, Fights & Fires aus England, und The Fine Print und The Holy Kings aus Regensburg.
Gemütlich wird ausgeladen und aufgebaut, und irgendwann wird gegrillt. Wir spielen als Vorletzte und Toto bettelt vergeblich, ob er heute wieder ein Mikro bekäme. Statt dessen verteilen er und Sepp, der wirklich ein neues Shirt trägt, lieber noch ein bisschen Bier auf der Bühne. Nach uns spielen Fights & Fires, die eine echt krasse Bühnenshow abliefern. Sänger Phil „wants to be the fattest man who ever did crowdsurfing in Zwiesel“. Hat er hinbekommen.
Nach dem Konzert beschließen Teile von The Fine Print und The Holy Kings noch, in die einzige Disko im Ort zu gehen. Wir bleiben am Lagerfeuer sitzen und quatschen mit den Engländern. Gitarrist Ryan scheint das vegetarische Chili nicht zu vertragen, und die Unterhaltung mit ihm wird immer wieder von donnernden Blähungen und einer anschließenden Entschuldigung unterbrochen („Aw, I’m so sorry! Well, anyway, where was I…?“) Ganz der Gentleman.
Pennen tun wir diesmal auf der Bühne, hatten wir auch noch nicht.

Sonntag, 11.9.2011: Long Way Home
Wir verabschieden uns von den anderen Bands und machen uns Mittags um 12 Uhr auf den Heimweg. Anscheinend ist Geisterfahrertag, denn die Warnung hören wir mindestens fünfmal für fünf verschieden Autobahnen. Gegen 18 Uhr kommen wir am Proberaum an, laden aus, bringen den geliehenen Bus zurück und die And the Savant starts to drink Tour 2011 ist vorüber. Kommentar Sepp: „So, jetzt will ich euch erst mal ’ne Woche nicht sehen!“

Ursprünglich 2011 verfasst von Corni und Toto für das Mind the Gaep-Magazin (oder war’s doch ein anderes!?)

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